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In der Debatte um Auffanglager für Flüchtlinge
in Nordafrika drängen Deutschland und Italien gemeinsam auf eine politische
Umsetzung. Mitte August hatten der deutsche Innenminister Otto Schily (SPD)
und sein italienischer Amtskollege Guiseppe Pisanu (Forza Italia) vereinbart,
demnächst in der EU eine Initiative zur Einrichtung von Transitlagern für
Migranten in Libyen und anderen Staaten Nordafrikas einzubringen. Der italienische
Ministerpräsident Silvio Berlusconi (Forza Italia) reiste daraufhin nach
Libyen, um mit dem dortigen Machthaber Muammar al-Gaddafi über die Errichtung
solcher Lager zu sprechen.
Über konkrete Beschlüsse bezüglich der Auffanglager
wurde bisher nichts bekannt. Sicher ist, dass sich italienische Streitkräfte
und Ordnungseinheiten künftig an der Überwachung der libyschen Hoheitsgewässer
beteiligen, erklärte ein Sprecher Berlusconis.
So könne der Menschenhandel wirksamer bekämpft werden.
Libyen werde seinerseits die Kontrollen im Landesinneren und an den Küsten
verstärken. Der nordafrikanische Staat ist derzeit das wichtigste Transitland
für Flüchtlinge und Auswanderer aus Afrika südlich der Sahara.
Besonders die zwischen Libyen und Italien gelegene kleine italienische Insel
Lampedusa war in den vergangenen Monaten verstärkt Flüchtlingsziel
geworden (vgl. MuB 9/03).
Ein Anlass für den Vorschlag für Auffanglager war auch der Konflikt
um das deutsche Flüchtlingsschiff „Cap Anamur“ gewesen. Es
hatte im Mittelmeerraum 37 Afrikaner in Seenot gerettet und nach Italien gebracht
(vgl. MuB 6/04).
Unabhängig vom Plan der Auffanglager hatte sich Berlusconi
am Vorabend seiner Tripolis-Reise mit seinem Innenminister Pisanu auf eine Lockerung
des italienischen Einwanderungsgesetzes („Bossi-Fini“) verständigt.
Pisanu forderte, die Quoten für die nachträgliche Legalisierung illegaler
Einwanderer oder die Gewährung von Asyl zu erhöhen, um den Markt an
billigen Arbeitskräften zu sättigen.
Neben den Unternehmerverbänden unterstützte die Vereinigung
der Landwirte den Vorstoß zur Liberalisierung des Einwanderungsrechts.
Das „Bossi-Fini-Gesetz“ regelt seit zwei Jahren Einwanderung und
die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern. Gegenüber den von
früheren Mitte-Linksregierungen verabschiedeten Gesetzen verschärfte
es die geltenden Regelungen. Das Flüchtlings-Hochkommissariat der Vereinten
Nationen (UNHCR) hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass durch das Gesetz die
international anerkannten Rechte von Flüchtlingen nicht gewährleistet
seien.
Bereits vor Berlusconis Tripolis-Besuch hatten die Innenminister
von Deutschland und Italien eine gemeinsame Initiative auf EU-Ebene für
Flüchtlingslager in Nordafrika angekündigt. Pisanu und Schily wollen
Anfang Oktober in Florenz ihren EU-Kollegen ein Konzept vorlegen. Danach soll
eine Einrichtung geschaffen werden, die außerhalb der EU-Grenzen Asylgesuche
entgegennimmt und prüft. Sie soll anerkannte Flüchtlinge einem Drittland
zuweisen. Asyl in Europa sollen die Flüchtlinge nur auf freiwilliger Basis
der jeweiligen Staaten erhalten. Zugleich ist zur Reduzierung der illegalen
Migration eine Verwaltungsstelle außerhalb Europas vorgesehen, bei der
EU-Staaten ihren Bedarf an legalen Einwanderern anmelden können.
SPD und Bündnis 90/Die Grünen reagierten verärgert
über Schilys Pläne, die in der Koalition offenbar nicht abgestimmt
waren. Er verspüre darüber „erheblichen Unmut“ sagte Dieter
Wiefelspütz (MdP, SPD), Innenpolitik-Experte seiner Fraktion. Schily werde
nun unverzüglich im Innenausschuss Rede und Antwort stehen müssen.
Der Innenminister lege „die Axt an den Koalitionsvertrag“, sagte
der migrationspolitische Sprecher von Bündnis 90/ Die Grünen, Josef
Winkler.
CDU und CSU forderten Schily auf, seine Pläne umgehend zu
präzisieren. Ebenso wie Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der
bereits vor Wochen Unterstützung für Schilys Pläne signalisiert
hatte, kam Zustimmung vom Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Jochen
Welt (SPD): „Die Menschen in Afrika brauchen Flüchtlingseinrichtungen
für eine erste Hilfe.“ Unterstützung erhielten die Innenminister
Deutschlands und Italiens auch vom designierten EU-Kommissar für Inneres
und Justiz, Rocco Buttiglione (PPI). „Eine gute Idee“, lobte der
amtierende italienische Europaminister, der demnächst für die EU-Ausländer-
und Flüchtlingspolitik zuständig sein wird. Die vorgeschlagenen Auffanglager
könnten die illegale Einwanderung beschränken und zugleich jene abschrecken,
die Unruhe stifteten. Insgesamt plädierte Buttiglione für eine strenge
Flüchtlingspolitik: „Es ist nicht wahr, dass irgendjemand das Recht
hat, zu uns zu kommen. Dieses Land gehört vorerst den Europäern.“
Im Haus des noch bis Oktober zuständigen EU-Kommissars
für Justiz und Inneres, António Vitorino, wird bereits an einem
Modell gearbeitet, Flüchtlinge künftig in bzw. nahe der jeweiligen
Krisenregion unterzubringen. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) denkt
über derartige Lösungen nach. Sie unterscheiden sich dadurch von dem
Schily-Vorschlag, dass eine spätere Einreise nach Europa dabei ausgeschlossen
wird. Anerkannte Asylbewerber sollen zum Beispiel in nordafrikanischen Lagern
versorgt werden, bis sich die Lage in ihrer Herkunftsregion verbessert hat.
Die Kommission hat mit mehreren Ländern entsprechende Verhandlungen aufgenommen.
Im Gegenzug bietet die EU höhere Entwicklungshilfe und eine Einwanderungsquote
für Staatsbürger des kooperationswilligen Landes an.
Unterdessen ist die Zahl der Asylbewerber aus Afrika in Deutschland
rückläufig. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
(BAFl) stellten im ersten Halbjahr 2004 4.392 Afrikaner erstmals einen Asylantrag
in Deutschland. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es noch 5.264 gewesen. Dies
entspricht einem Rückgang um 16,5 %. Insgesamt wurden von Januar bis Juni
18.682 neue Asylanträge gestellt. Da sich die EU-Staaten darauf geeinigt
haben, dass stets das erste Einreiseland für Flüchtlinge zuständig
ist, hat Deutschland nur noch mit den per Flugzeug Einreisenden zu tun und jenen,
deren Einreiseweg nicht nachvollzogen werden kann. Die Zahl der afrikanischen
Asylbewerber sinkt bereits seit längerem. Im gesamten Jahr 2003 wurden
9.997 Anträge von Afrikanern registriert, im Jahr 2002 waren es noch 11.768
gewesen. chw
Weitere Informationen:
www.cittadinitalia.it
www.bafl.de/template/index_asylstatistik.htm
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